Erfahrungen eines WM-Stewards – Teil I

Gut eine Woche nach der WM ist es an der Zeit, die tolle Weltmeisterschaft Revue passieren zu lassen. Ich jedoch tue dies als Mitarbeiter der WM, denn ich hatte das große Glück als Steward zumindest bei allen sechs WM-Spielen im Berliner Olympiastadion anwesend zu sein.

13.06.2006: Brasilien vs. Kroatien
Das erste WM-Spiel in Berlin. Man war ich gespannt. Wie wird das ablaufen? Wird es friedlich bleiben? Wo werde ich eingesetzt?
Letztere Frage hatte ich bereits eine Woche vor dem Spiel klären können. Mein Einsatzort war die Pressetribüne (VDO 532), wo ich normalerweise bei den Hertha-Spielen auch eingesetzt werde. Insofern hatte ich einen klaren Heimvorteil. Doch der nützte zumindest am Anfang nicht viel, da alles anders war, als man es bisher kannte. Die Mixed-Zone (wo die Journalisten Interviews mit den Spielern führen können) ist nun nicht mehr auf dem Spielfeld bzw. daneben, sondern hinter dem Marathontor. Die Pressekonferenz findet auch woanders statt usw…!

Nach dem Einchecken am Personaleingang bekam jeder Steward ein weißes Hemd und ein orangefarbenes Steward-Leibchen. Über ersteres habe ich mich anfangs schon gewundert, weil es hieß, dass man vollkommen in schwarz gekleidet kommen sollte.
Auf dem linken Ärmel des Hemdes war ein kleines Logo der WM aufgedruckt. Das Leibchen selbst hatte auf der Vorderseite zwei Brusttaschen, die für die persönlichen Ausweise gedacht waren. Als Steward besaß man zwei Ausweise: dem Identitätsausweis und dem Zugangsausweis. Letzteren bekam man nur am Personaleingang ausgehändigt. Den Identitätsausweis nahm man jedes Mal wieder mit und durfte ich auch nach dem Finale behalten.

Es war super heiß. Gut 34°C hatten wir an diesem Dienstag. Und so waren eigentlich schon alle einmal durchgeschwitzt, bevor wir überhaupt auf unseren Positionen waren. Äußerst positiv empfand ich es, dass die VDO 532 fast vollständig aus Leuten bestand, mit denen ich seit nunmehr fast fünf Jahren bei Hertha zusammenarbeite. Das ist insofern gut, da wir uns untereinander kennen und wissen, wie der andere reagiert bzw. wir halt schon ein eingespieltes Team sind. Als sich nun auch noch herausstellte, dass der Bereichsleiter derselbe wie bei den Herthaspielen ist, war der Tag gerettet.

Ich bekam die Aufgabe zugeteilt, mir einen Feuerlöscher an einer bestimmten Stelle abzuholen und mich in die Mitte der Pressetribüne zu stellen und auf ein Feuer zu warten! Wie geil ist das denn?!?!
Nur leider habe ich bis zum Spielende keinen Feuerlöscher bekommen. Die waren nämlich hinter einem Gitter eingeschlossen und dort zusätzlich mit Schnellspannern befestigt worden. Leider konnte auch niemand sagen, wer den Schlüssel dafür hat. Und so kam es, dass ich am äußeren Ende der Pressetribüne, im Block 12, landete. Da dort eigentlich keine Position im Block vorgesehen war und mein Gruppenleiter meinte, ich solle da mal stehenbleiben bis er den Schlüssel organisiert hätte, bleib cih also auf der Treppe stehen.
Wer mich kennt, weiß, dass es mir zu langweilig wäre und gegen meine Einstellung gehen würde, wenn ich nun untäig auf der Treppe gestanden und mir nachher das Spiel angesehen hätte. So machte ich mich erst einmal mit den dort eingeteilten Volunteers (Jule und Micha) bekannt und stellte fest, dass Block 12 auch gleichzeitig der Ort für die „1.Hilfe-Station Medien“ des DRK ist.
Die Volunteers waren freiwillige Helfer, die von Addidas für gut 500 Euro komplett ausgestattet wurden (Poloshirts, Hosen, Socken, Schuhe) und uns Stewards beim überwinden von etwaigen Sprachproblemen helfen sollten.
Da der Dienstbeginn der Stewards immer 4,5 Stunden vor Spielbeginn und auch 1,5 Stunden vor Stadionöffnung war, konnte man gut 4 Stunden vor Anpfiff die Proben des Fernsehens beobachten.
Es wird alles geprobt: das Hereinbringen der FIFA- und der Nationalitätenfahnen, das Abspielen der Nationalhymnen, die Gruppenfotos, das Händeschütteln und das Herunterbringen der Abdeckung des Mittelkreises. Und zwar alles zweimal! Natürlich nicht mit den Spielern, sondern mit irgendwelchen Volunteers.

Als dann endlich die Tore des Stadions geöffnet wurden, dauerte es keine fünf Minuten bis die ersten fans bei mir im Block eintrafen. Schnell stellte sich heraus, dass der Block 12 noch zum kroatischen Fanblock gehörte.
Es war wie gesagt das erste Spiel in Berlin und es lief demzufolge organisatorisch noch einiges (!) schief. Zu viel darf ich nicht darüber sagen, da wir alle eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben mussten… aber z.B. die Sache mit meinem Feuerlöscher wurde zum Running-Gag. Mein Kollege Andi (der für den oberen Teil der Treppe eingeteilt war, da dort der Eingang zur Announcementplattform war) und ich hatten uns für die falsche Strategie entschieden. Wir wollten erst kurz vor Spielbeginn die Leute bitten ihre Plätze einzunehmen, da unser Job es ja war, die Treppen freizuhalten. Leider war das der falsche Weg.
Die Kroaten haben sich nämlich hingesetzt, wo sie Lust hatten. Freri nach dem Motto: Oh in Block 11 sitzt ja mein Kumpel, dann geh ich mal dorthin, obwohl ich Karten für Block 12 habe. Und wie das so ist, wenn ein Stadion mit 72.000 Plätzen ausverkauft ist, fehlen dann ein paar Sitze.
Es war nachher einfch nciht mehr möglich die Leute auf ihre eigentlichen Sitze zu bitten, da dort auch Leute saßen, deren Plätze belegt waren usw.! Und so kam es, dass der Bereichsleiter nachher meinte: „Vergiss es, wir haben eh zu wenig Personal!“
Dennoch habe ich versucht, das Beste daraus zu machen und zumindest die Treppen freigeräumt. Ein überaus stressiger Tag, an dem viel Schweiz geflossen ist und an dem ich, obwohl ich im Block stand, fast nichts vom Spiel mitbekommen habe.
Die Kroaten waren sehr aggressive Fans, welche gern mal so taten, als ob sie mich weder auf Englisch ncoh auf Deutsch verstehen würden. Nicht alle, aber sehr viele. Und weil es auch bei uns Ordner den Grundsatz „Selbstschutz geht vor“ gibt, habe ich einige Leute auch nicht ein zweites Mal angesprochen.

Ein trauriger Höhepunkt der organisatorischen Mängel war dann der Flitzer, der es schaffte fast unbemerkt auf das Spielfeld zu rennen, um dort einem kroatischen Spieler die Schuhe zu küssen. Gut zweihundert Ordner haben um das Spielfeld herumgestanden, aber keiner hat reagiert. Vier Seiten nimmt die Sicherung des Spielfeldes im Steward-Handbuch der FIFA (180 Seiten stark) ein und dennoch schafft es ausgerechnet in Berlin beim ersten Spiel einer, den zwei Meter tiefen Graben und die erste Ordnerreihe zu durchbrechen und unbehelligt auf das Spielfeld zu laufen und dort erst zwei Minuten später von einem kroatischen Spieler (!) vom Feld geführt zu werden.

Das konnte ja nur besser werden!

~ Und weil das „kurze“ Resümee des ersten Spieles dann doch zu lang geworden ist, folgen dann noch ein paar Rückblicke ~




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