Männerabend

„Der Schreibtisch ist clear.“
„Gut, gib mir Deckung!“
„Die Tür ist safe. Ich hab hier die Doppeltür gesichert.“
Es fallen Schüsse, man hört verletzte Männer stöhnen, wissend, dass sie grad die letzten Minuten ihres ereignisreichen Lebens aushauchen.
„Ich bin tot, Du musst allein weitermachen.“
„Gut, es sind noch zwanzig Männer, ich mach’s.“

Die Boxen, die mit unserem Fernseher verbunden sind, spielen seit Minuten nichts anderes als die knatternden Geräusche der Computermaschinengewehre. Um’s genau zu nehmen, sind es Xbox360-Maschinengewehre. Jungs, es geht schließlich um Eure Ehre, wir wollen hier also keine verfälschten Informationen zu Euren Heroentaten aufführen. Die Xbox360-Kugeln treffen die Xbox360-Terroristen, die – unseren Helden sei Dank – nun keine Gefahr mehr für die Welt darstellen.
Konzentriertes Schweigen. Der neue Raum ist doch verdächtig ruhig. Dann plötzlich – da sind schnelle Reaktionen gefragt, die nicht jeder von Hause aus mitbringt – zehn neue Gegner, die sogleich kaltblütig zur Strecke gebracht werden müssen. „Soll ich ’ne Bombe werfen?“ – „Nee, lass mal, die machen wir auch so kalt!“
Der Abstand zwischen dem Fernsehbildschirm und den Nasenspitzen der zwei wackeren Freunde beträgt knapp einen Meter. Vermutlich wäre in zwei Metern Entfernung ebenso viel zu erkennen. Aber offenbar erhöht diese gesundheitsschädliche Hab-Acht-Stellung die Detailschärfe enorm. Die Ellenbogen auf den Knien aufgestützt, die Hände verkrampft am Controller, die Knöchel weiß hervortretend, der Kopf taubenähnlich nach vorn gestreckt. Blinzeln wird als Schwäche verurteilt, atmen nur erlaubt, wenn aller Wahrscheinlichkeit nach gerade wirklich keine Gefahr droht. Die Jungs müssen vorbereitet sein. Nur ein Feind, den man schon vor seinem Auftauchen erahnt, ist ein besiegbarer Feind. Es ist unübersehbar, dass hier wahre Männer am Werk sind.
Im Wohnzimmer/Auf dem Schlachtfeld herrscht eine adrenalingeschwängerte Atmosphäre gepaart mit dem Geruch von testosterongeladenem Schweiß. Der männliche Duft jener Kampfhähne, von denen die Entscheidung über Leben und Tod der Xbox360-Unschuldigen abhängt. Das herbe Aroma jener Giganten, die erkannt haben, dass sie nicht nur das Schicksal einiger weniger, sondern eigentlich die Fäden aller, ja der ganzen Welt, in ihren Händen halten. Der markante Hauch jener Teufelskerle, die wissen, dass sich die Menschheit glücklich schätzen kann, dass unter ihr noch Helden wandeln, wie es sie in Jahrhunderten nur selten gab, gibt und geben wird.
Angewidert rümpfe ich die Nase und öffne das Fenster…




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