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7 Wochen ohne – selber denken!

7 Wochen ohneDer geneigte Mitleser weiß, dass ich mich seit etlichen Jahren an der Fastenaktion der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) „7 Wochen ohne“ beteilige. Vom morgigen Aschermittwoch an bis zum Ostersonntag verzichte ich auf Dinge des alltäglichen Lebens, eigentlich ausschließlich Lebensmittel, auf die es mir eigentlich schwer fällt zu verzichten.

Und doch mache ich mit. Jahr für Jahr. Ich verzichte bewusst, auch wenn es dafür mal hämische Kommentare gibt. Schlimmer sind die fortwährenden Versuchungen. Viele Vorurteile schießen einem heute entgegen, wenn man von der Fastenzeit berichtet. Aber auch Neugierde. Was es mit der Fastenzeit und Ostern auf sich hat, habe ich vor drei Jahren in meinem “Thementag Ostern” zusammengefasst.

Mein selbst auferlegter Verzicht besteht auch in diesem Jahr aus folgenden Sachen:

  • kein Fastfood (Pizza, Pommes, Burger, Döner – bis Ostern passè)
  • keine Süßigkeiten (Kuchen, Schokolade, Kekse, Knabberzeug)
  • keine Zwischenmahlzeiten (nicht mal eben zwischen zwei Terminen zum Bäcker)
  • kein Alkohol
  • keine Cola
  • und erstmals: keinen Zucker im Kaffee.

Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ich auch in diesem Jahr wieder machen werde: Beobachtungen an mir selbst, Begegnungen mit Nicht-Fastenden.

Die offizielle Fastenaktion  der EKD hat dieses Jahr das Motto: „Selber Denken! 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten“ . Immer auf das Bauchgefühl zu hören, das gilt als unreflektiert. Auf unseren Kopf ­ver­lassen wir uns dagegen ganz gerne. Wer vor dem Reden das Gehirn einschaltet, wie es ein alter Kalauer empfiehlt, weiß, was er sagt und tut. Das Motto klingt so selbst­verständlich, erweist sich aber in der Praxis als Herausforderung. Denn wenn wir uns in der Fastenzeit darin üben wollen, geht es nicht um sieben Wochen Vernunftherrschaft. Es kann, im Gegenteil, ganz schön unvernünftig sein, selber zu denken. Es kann nämlich durchaus ­gefährlich sein, Denkverbote zu ignorieren und andere auf einen Fehler hinzuweisen. Mut braucht es auch, Gewohnheiten und Traditionen infrage zu stellen – im Job, in der Familie oder in der Kirche. Und wer gern nörgelt über zu wenig Grün in der Stadt oder blöde ­Kandidaten zur Wahl, sollte mal den Zuschauerraum verlassen und selber ­etwas auf die Beine stellen. Dafür muss man den eigenen Kopf gebrauchen – und ­zunächst mal einen haben!

Mehr als drei Millionen Menschen beteiligen sich jährlich an dieser Aktion. Und jährlich werden es mehr. Ich bin dabei! Und ihr? Seid ihr dabei? 7 Wochen ohne! Macht´s mit! Am morgigen Mittwoch, den 5. März geht´s los!

Thementag Ostern

Viele österliche Begriffe benutzen wir heutzutage ganz selbstverständlich, ohne uns jedoch die Mühe zu machen, den Sinn der Worte oder der Feiertage tatsächlich zu hinterfragen. Warum bitte heißt der Donnerstag vor Ostern nun Gründonnerstag und warum der Tag danach Karfreitag? Reicht es nicht zu wissen, dass zumindest der Karfreitag ein Feiertag (=freier Tag) ist?

Wer diese Frage mit einem „Ja“ beantwortet, der braucht nicht weiterlesen. Für alle anderen will ich mal zusammentragen, was man im Zusammenhang mit Ostern grundlegend wissen sollte.

Fastenzeit

Die Osterzeit beginnt mit der Fastenzeit (oder auch Passionszeit), welche immer die 40 Tage vor Ostern umfasst. Zurück geht die Fastenzeit auf das Fasten Jesu Christi in der Wüste vor Beginn seines öffentlichen Wirkens nach Matthäus 4,2 zurück. In der christlichen Kirche gibt es zwei Fastenzeiten im Jahr: einmal die Adventszeit vor Weihnachten/der Geburt Christi und einmal die Passionszeit vor Ostern.

Die Passionszeit beginnt also immer am Aschermittwoch. In den letzten Jahrzehnten hat sich auch in der Evangelischen Kirche wieder eine Fastentradition etabliert. Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) startet daher auch jedes Jahr auf´s Neue die Aktion „7 Wochen ohne„, an der jedes Jahr rund 2 Millionen Menschen in Deutschland teilnehmen.

Nähere theologische Hintergründe findet ihr in meinem Beitrag: Fastenzeit.

Genau genommen endet die Fastenzeit (die VORösterliche Bußzeit) am Gründonnerstag (und nun je nach Tradition/Konfession:) oder am Karfreitag. Dem schließt sich ab Karfreitag 15 Uhr jedoch ein sogenanntes Osterfasten an, welches aber nichts mit der Fastenzeit zu tun hat. Dieses österliche Fasten ist sowohl von Katholiken als auch Lutheranern als striktes Fasten zu verstehen und endet erst nach der Osternacht.

Heilige Woche / Karwoche

Als „Heilige Woche“ bezeichnet man die Tage zwischen dem Palmsonntag (letztes Sonntag vor Ostern), an dem Jesus Christus in Jerusalem einzog, und dem Ostersonntag. Diese Woche nennt man üblicherweise auch die Karwoche.

Bedeutung der Vorsilbe „Kar-„

Der Begriff Karwoche oder Karfreitag oder auch Karsamstag leitet sich folgendermaßen ab: Das Präfix Kar- ist althochdeutsch (ursprünglich: kara) und bedeutet „Klage, Kummer, Trauer“.

Gründonnerstag

Der Gründonnerstag ist natürlich ein Teil der Karwoche. Theologisch gesehen ist der Gründonnerstag der Tag, an dem Jesus Christus das Heilige Abendmahl einsetze, von Judas verraten und vom Hohen Rat verhaftet wurde.

Mit der Vesper am Abend des Gründonnerstages beginnt das sogenannte Triduum Sacrum, wörtlich: Heilige Drei-Tage-Zeit.

Zur Namensherkunft mache ich es mir leicht und zitiere den ausführlichen Wikipedia-Artikel hierzu:

Der vor dem 15. Jahrhundert – nach Kluge-Mitzka um 1200 im mitteldeutschen Raum – entstandene Name Gründonnerstag beschränkt sich im Prinzip auf das deutsche Sprachgebiet und ist auch dort nur die üblichste neben mehreren anderen Bezeichnungen. Die Fügung Grüner Donnerstag (mhd. grûne dunrestag oder grüene donerstac) ist bereits seit dem 13. Jh. belegt.[1][2][3] Der lateinische Terminus dies viridium (wörtlich „Tag der Grünen“ – gemeint sind die durch Absolution von den Sünden und Kirchenstrafen Befreiten, im Sinne von „Erneuerten, Frischen“ nach Lukas-Evangelium 23,31: „grünes Holz“) war möglicherweise nicht, wie von der Sprachwissenschaft lange angenommen, das Vorbild für diese deutsche Bezeichnung, sondern scheint erst im 17. Jh. entstanden zu sein.[4]

Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt, es konkurrieren besonders vier Thesen, die sich nicht notwendigerweise gegenseitig ausschließen müssen, da auch mehrere Faktoren bei der Entstehung des Namens zusammengewirkt haben können:

  1. Herleitung von virides („die Grünen“), den Büßern, die „dürres Holz“ gewesen waren und jetzt am antlastag, dem Tag des Kirchenbußerlasses, wieder (nach Lukas 23,31) lebendiges, „grünes Holz“ der Kirche wurden und wahrscheinlich in weißem Kleid vielleicht mit grünem Schultertuch zur Kommunion schritten.
  2. Herleitung aus der liturgischen Farbe Grün.[5] Der heutige Farbenkanon des Römischen Ritus sieht Weiß als liturgische Farbe für den Gründonnerstag vor, dieser Farbenkanon war jedoch vor dem 16. Jahrhundert nicht verbindlich und in den Eigenriten der Diözesen vielfach abweichend geregelt. Da aus dem Gebrauch der Farbe Weiß in der Gründonnerstagsliturgie auch die Bezeichnung „Weißer Donnerstag“ (ndl. Witte Donderdag, franz. jeudi blanc) entstanden ist, könnte ebenso aus regional abweichender Verwendung von Grün auch der Name Grüner Donnerstag, Gründonnerstag entstanden sein.
  3. Herleitung aus dem seit dem 14. Jahrhundert bezeugten, aber möglicherweise schon älteren Brauch, am Gründonnerstag besonders grünes Gemüse (Grünkohl, Salate, Nesseln, junge Triebe) und grüne Kräuter zu essen.[1][4][6] Dies steht nicht nur im Einklang mit den allgemeinen Fastenvorschriften für die Karwoche, sondern auch in Verbindung mit vorchristlichen Vorstellungen, dass dadurch die Kraft des Frühlings und eine Heilwirkung für das ganze Jahr aufgenommen werde. In einigen Regionen hatte der Gründonnerstag auch eine besondere Bedeutung für das Bestellen von Feld und Garten, als Tag der ersten Frühlingsaussaat oder als ein Tag, an dem man sich von der Aussaat oder vom Setzen oder Beschneiden der Pflanzen besonders reichen Ertrag versprach.[7]
  4. Herleitung aus dem „Greinen“ (ahd. grÄnan, mhd. grînen, „lachend, winselnd, weinend den Mund verziehen“) der Büßer am Gründonnerstag.[8] Aus mündlich gebrauchtem, aber schriftlich nicht bezeugtem grîn donerstac wäre in dem Fall durch volksetymologische Umdeutung Grüner Donnerstag > Gründonnerstag entstanden. Da jedoch dieser Tag seit dem 4. Jahrhundert ein kirchlicher Freudentag war, an dem die zuvor Exkommunizierten nach Buße und Vergebung endlich wieder zur Kommunion zugelassen, also wieder „grünendes Holz“ am Stamm der Kirche nach Lukas 23,31 waren, erscheint die Annahme eines Klagedonnerstags widersinnig.

Gängige lateinische Bezeichnungen des Gründonnerstags sind dies cenae domini („Tag des Abendmahls des Herrn“), dies absolutionis („Tag der Sündenvergebung“), dies indulgentiae („Ablasstag“), dies mandati („Tag der Fußwaschung“, daraus entstand die im Englischen geläufige Bezeichnung Maundy Thursday), dies azymorum („Tag der ungesäuerten Brote“) oder consecratio chrismatis („Chrisamweihe“, die in der römischen Liturgie an diesem Tag vollzogen wird); außerdem kann der Tag als quinta feria („fünfter Tag“) oder dies jovis („Donnerstag“) mit den Zusätzen magnus („groß“), sacer („heilig“) oder altus („hoch“) bezeichnet werden. In anderen Sprachen wird der Festtag meist „Heiliger Donnerstag“ (so in allen romanischen Sprachen und neben Maundy Thursday auch im Englischen geläufig) oder „Großer Donnerstag“ (so etwa im Polnischen Wielki Czwartek, im Kroatischen veliki Äetvrtak und im Ungarischen Nagycsütörtök) genannt. Im Tschechischen heißt der Tag nach deutschem Vorbild „Grüner Donnerstag“ (zelený Ätvrtek), im Niederländischen wie erwähnt „Weißer Donnerstag“ (Witte Donderdag), während im skandinavischen Raum mit Ausnahme des Finnischen, wo man vom „Donnerstag des Herrn“ (kiirastorstai) spricht, die Bezeichnung „Schnitterdonnerstag“ gebräuchlich ist (schwedisch Skärtorsdagen, dänisch Skærtorsdag), was schwedischen Quellen zufolge an die Fußwaschung erinnern soll, da „schneiden“ (schwed. skära) hier in der Bedeutung von „(be)reinigen“ zu verstehen sei. In manchen deutschsprachigen Regionen sehr gängig war früher auch der Name Antlaßtag („Tag der Entlassung aus den Sünden“, „Ablasstag“), der ähnlich wie der früher im Französischen gebräuchliche Name jeudi absolu aus der lateinischen Bezeichnung dies absolutionis bzw. dies indulgentiae herzuleiten ist.

Karfreitag

Der Karfreitag ist der Tag an dem Jesus Christus gekreuzigt wurde. Der Überlieferung nach starb er gegen 15 Uhr, weshalb landläufig auch nach 15 Uhr das Fastenbrechen vorgenommen wird. Das Sterben und die Kreuzigung war natürlich schon oftmals Vorlagen für diverse Verfilmungen. Die wohl bekannteste und sicherlich auch nicht unumstrittenste ist der Film von Mel Gibson „Die Passion Christi“ aus dem Jahr 2004, welche ich damals in einem Artikel reflektiert habe.

Der Karfreitag gehört zu den höchsten Feiertagen der christlichen Kirche.

Karsamstag

Irgendwie logisch… der Tag zwischen Karfreitag und dem Ostersonntag. 🙂

Ostersonntag!

Halleluja, der Herr ist auferstanden! – So oder so ähnlich tönt es an diesem Tag durch die Kirchen. Die Orgeln und Glocken, die nach dem Gloria der Messfeier an Gründonnerstag bis zum Gloria in der Osternacht geschwiegen haben, erheben sich zu einem lauten Lobgesang, das man einfach mal mitgemacht haben sollte! Übrigens: Das Gloria (außer an hohen Feiertagen) und das Halleluja entfallen in der gesamten Passionszeit. Ab dem 5. Sonntag der Fastenzeit („Passionssonntag“) werden Standbilder und Kreuze durch violette Tücher verhüllt und bei der Kreuzverehrung innerhalb der Karfreitagsliturgie feierlich enthüllt. Flügelaltäre sind die ganze Passionszeit über zugeklappt.

Zurück zum Ostersonntag: Der Überlieferung nach ist das leere Grab Jesu an diesem Tag „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ (Mk 16,2) entdeckt worden. Daher ist die Morgenröte im Christentum ein Symbol der Auferstehung.

So ist vielleicht auch die Entstehung des Wortes „Ostern“ zu erklären. Die Etymologie/Namensherkunft sieht hier verschiedene Wurzeln:

  1. Das Herkunftswörterbuch von Duden leitet das Wort vom altgermanischen Austrō > Ausro für „Morgenröte“ ab, das eventuell ein germanisches Frühlingsfest bezeichnete und sich im Altenglischen zu Äostre, Äastre, im Althochdeutschen zu ôstarun fortbildete. Der Wortstamm ist mit altgriechisch Äōs „Sonne“ und lateinischaurora verwandt.
  2. Honorius Augustodunensis (12. Jh.) leitete Ostern von Osten (vgl. englisch easter und east) ab, der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Viele neue Christen ließen sich damals „bei Sonnenaufgang“ am Ostermorgen – althochdeutsch zu den ostarun – taufen.
  3. Der Namensforscher Jürgen Udolph erklärt mit Bezugnahme auf Ostern als Tauftermin das Wort aus der nordgermanischen Wortfamilie ausa („gießen“) und austr („begießen“). So wurde ein vorchristlicher Wasserritus als vatni ausa („mit Wasser begießen“) bezeichnet; dann hätte die österliche Taufe die Begriffsbildung veranlasst.
  4. Eine andere Deutung geht von der lateinischen Bezeichnung hebdomada in albis („Weiße Woche“) für die Osteroktav aus. Da alba im französischen die Bedeutung „weiß“ verliert und die spezielle Bedeutung „Morgenlicht“ bzw. „Morgenröte“ annimmt, kann dies durch das entsprechende germanische Wort wiedergegeben worden sein.

Mit dem Ostersonntag beginnt die österliche Freudenzeit („Osterzeit“), die fünfzig Tage bis einschließlich Pfingsten dauert.

Atempause

Ich hab mal wieder etwas für mich neues entdeckt. Es gibt doch tatsächlich eine Aktion der Evangelischen Kirche zur Fastenzeit: 7 Wochen ohne!

Warum gibt es „7 Wochen Ohne“?
Ziel ist die bewusste Gestaltung der Passionszeit.

„7 Wochen Ohne“ will Menschen einladen,

  • eingeschliffene Alltagsgewohnheiten zu überdenken,
  • auf lieb gewonnene „Sünden“, wie z.B. Alkohol, Nikotin, Süßigkeiten zu verzichten,
  • zu klären, was Lebensqualität ausmacht,
  • Platz zu schaffen für Veränderungen,
  • neue Perspektiven zu entwickeln,
  • durch Konsumverzicht Solidarität mit Benachteiligten zu zeigen.

Weniger ist mehr.
7 Wochen OHNE sind auch 7 Wochen MIT.
Wo Verzicht ist, ist Platz für Neues.

http://www.7-wochen-ohne.de

Der Nuntius Ron

oder: Mit dem SEP in Bad Freienwalde

FREITAG
Um 14.10 Uhr sammeln sich 30 Studenten der Theolgischen Fakultät in der Eingangshalle des S-Bahnhofes Hackescher Markt. Sie sind bewaffnet mit Rucksäcken und haben alle mindestens eines gemeinsam: sie alle gehören dem Studien-Eingangs-Projekt (SEP) – einem Pflichtkurs des ersten theologischen Fachsemesters – an.

An diesem Wochenende sind die eigentlich 50 SEP-Teilnehmer „eingeladen“ nach Bad Freienwalde zu fahren, aber nur 30 Studenten finden keine passende Ausrede – auch ich nicht. Mit der S-Bahn geht es nun zum Bahnhof Lichtenberg, wo wir in einen Zug der Ostdeutschen Eisenbahn steigen, der schon zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos überfüllt ist, denn warum auch immer, besteht dieser Zug an diesem Tage nur aus einem Wagon! Mit Drängeln und einer Menge Humor drücken wir uns dennoch alle in den Wagon und warten auf das Abfahren des Zuges. Doch schon eine Station später wird die Wagon-Gemeinschaft auf die Probe gestellt: eine ältere Dame will mit einem Fahrrad zusteigen. Erste Witze werden laut, wir könnten das Fahrrad ja über unseren Köpfen transportieren…wie auch immer wir es schafften, mit Mühe und Not wurde das Fahrrad wirklich noch untergebracht.

1,5 Stunden später kamen wir dann in Bad Freienwalde an. Eine trostlose Stadt in der Nähe der polnischen Grenze. Da die angemietete Jugendherberge etwa 3,5km vom Bahnhof entfernt liegt und es auch keine Busverbindung gab, machten wir uns also auf den Weg. Etwa eine halbe Stunde später kamen wir in unserer Herberge, dem „Haus Einheit“ an. Dieses liegt versteckt im Wald am Arsch der Welt. Naja, es sollte ja auch nur für eine Nacht sein.

Wir bezogen unsere Zimmer. Ich kam in einem überaus lustigen 8er-Zimmer unter mit einem (!) Hochbett, wie ich es noch nie gesehen habe! Dieses Hochbett nahm die ganze Breite des Zimmers ein. Auf zwei Ebenen lagen dort jeweils vier Matrazen nebeneinander und nur über das Fußende konnten wir auf die Liegefläche krabbeln.

Bereits im Zug wurden die ersten Biere gezischt. Bevor wir nun in die erste Arbeitseinheit gingen, wurde schnell noch ein zweites Bier getrunken. In Eikes und meinem Fall war es ein „Sturzbier“, was auch recht schnell durchschlug…

Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter hatten sich für das Wochenende ein Planspiel ausgedacht. Wir bekamen jeder per Losverfahren eine Rolle zugewiesen. Jeweils fünf Rollen bildeten eine Interessengemeinschaft.

Folgende Situation: 19.01.2041: Die EKBO und das Erzbistum wollen konfessionelle Unterschiede überwinden und auf Grundlage eines gemeinsamen Bekenntnisses fusionieren. Dies soll eine Reaktion auf die schwindenden Mitgliederzahlen der Kirchen sein. Die Zahl der Christen ist in Berlin bereits unter die 10%-Marke gefallen. Eine Konferenz in Bad Freienwalde solle nun die Frage des Bekenntnisses klären.

Es gab folgende Gruppen:
1a) Erzbistum Berlin
1b) Internationale Katholische Kirche
2a) Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
2b) EKD
3) Der Berliner Senat
4) Dachverband „Werte Ja – Kirche Nein“

Es gab drei Gruppenphasen:
Phase 1: Charaktere ausarbeiten, Positionen erarbeiten und dann Rolle annehmen
Phase 2: Über die Poststation in Verhandlungen mit anderen Gruppen treten
Phase 3: Die Konferenz

Das Losverfahren teilte mir die Rolle des „Ron“ zu, welcher der päpstliche Nuntius aus Rom darstellte. In meiner Gruppe gab es noch folgende Rollen:
1. Nuntius aus Rom
2. Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz
3. Präsident der Katholischen Akademie
4. Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK)
5. Mitglied des Opus Dei

Wir hatten unglaublich viel Spaß in unserer Gruppe, so dass nach katholischer Tradition natürlich gleich mal die ersten Biere geleert wurden, was etwas kritische Blicke bei der Spielleitung erzeugte. Schon bald war klar, dass wir alle ziemlich antiquierte Meinungen annehmen sollte und natürlich gegen eine Fusion der Kirchen sind.

Nach dem Abendessen, hatten wir den Abend über frei. Und wie das so bei Theologen ist, wurden erst einmal die Getränkevorräte geklärt… 15 Kästen Bier und eine Pulle Sekt, die jedoch schon zu diesem Zeitpunkt leer war, sollten uns den Abend versüßen.
Kurzum… es wurde ein feuchtfröhlicher Abend und ich habe einige Biere getrunken, obwohl das sonst nicht so mein Ding ist, aber das Bier war lecker und die Stimmung unter den etwa 15 Mittrinkenden gut. Ich kürze hier ab… das Bier war nach dieser Nacht alle, so dass am Samstag bei den meisten nur Wasser mit Asperin oder Saft/Caola oder ähnliches anstand.

Irgendwann gegen Mitternacht kamen wir dann auf die Idee auf unserer „Liegewiese“ den Film „Das Leben des Bryan“ anzusehen! Welch Highlight!
Gegen 3 Uhr in der früh ging ich dann schlafen.

SAMSTAG:
Um 7.30h klingelte mein Handy-Wecker (eine Aila-Macke… *gg*). Ab unter die Dusche und dann zum Frühstück. Nach dem Frühstück hatten einige Kommilitoninnen eine Andacht vorbereitet. Leider kommen die drei aus dem freikirchlichen Bereich, so dass die Andacht mit klar geprägten Lobpreis- und sogar Predigt-Elementen ablief. Ich konnte damit rein gar ncihts anfangen und hielt mich daher wie einige andere auch zurück.

Nach der Andacht begann dann Phase 2. Wir besprachen unsere Gruppenmeinung und setzten unsere ersten Briefe auf, um Verbündete und Gegner auszumachen. Da ich mir für meinen ersten Brief echt viel Mühe gegeben habe, möchte ich ihn Euch zeigen:

Bad Freienwalde, 20. Januari 2041

Der Nuntius des Papstes an das Erzbistum Berlin

Sehr geehrter Herr Bischof Paul,
sehr geehrte Brüder und Schwestern des Erzbistums Berlin!

Ich sende Euch die Grüße des Heiligen Vaters, Papst Pius Silencius.

Der Heilige Stuhl hat sich mit all seiner Weisheit und Gottes Gnade und der Fürsprache aller Bischöfe und Diakone dazu durchgerungen, Euch seine Meinung zur Berliner Sache mitzuteilen:

Die Annäherungsversuche der protestantischen Glaubensbewegung halten wir derzeit nicht für geeignet. Die für die Heilige Mutter Kirche wichtig erachtete Frage der Eucharistie ist nach wie vor ungeklärt. Eine Abweichung von der eucharistischen Abendmahlshandlung kann nicht akzeptiert werden.

Die Ketzer sind vor gut 500 Jahren aus der Heiligen Mutter Kirche ausgetreten. Eine Rückkehr in den gütigen Schoß der katholischen Kirche kann nur über Einsicht und Buße und eine uneingeschränkte Annahme aller Glaubenssätze der katholischen Kirche geschehen. So wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn – wie unser Herr Jesus Christus berichtet – nicht der Vater dem Sohne hinterherrennt, werden auch wir nicht den Ketzern entgegenkommen.

Für Abweichungen von der Meinung unseres Heiligen Vaters wird vom Heiligen Stuhl die Exkommunikation als probates Mittel angesehen, denn: extra ecclesia non salus est.

Im Namen des Heiligen Vaters
Ron
Nuntius des Vatikans

Ziel des Briefes war natürlich das Erzbistum unseren Standpunkt darzulegen und sie mittels der Hierarchie auf unsere Seite zu bringen. Jedoch bekamen wir als Antwort Hähme und die Frage, ob ich denn wirklich die Meinung des Papstes kennen würde!? Dies ließen wir uns natürlich nicht bieten und so beauftragte ich den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, den abtrünnigen Bischof Paul zur Ordnung zu rufen. Doch auch hierauf bekamen wir zur Antwort, dass wir religiöse Fanatisten seien. Daraufhin entzog ich Bischof Paul die Bischofswürde und weihte kurzerhand ein Mitglied meiner Gruppe zum Erzbischof von Berlin. Paul lies ich dann vor unsere Gruppe zitieren und er musste bei uns Abbitte leisten. Der neue Bischof Atticus sorgte dann dafür, dass das Erzbistum – zumindest in der Gruppenphase 2 – auf unsere Linie kam.

Währenddessen spielten sich auch in anderen Gruppen lustige Szenen ab. So trat der Kultursenator nach Bestechungsvorwürfen der EKD zurück. Aber das Spiel wurde teilweise auch sehr persönlich.
So erhielt ich einen Brief von einer Medizinerin (wir wussten ja nicht wer hinter den Rollen stand, denn wir durften uns eigentlich nicht darüber austauschen), worin ich als Vertreter der Katholischen Kirche scharf angegriffen wurde. Ich ließ das nicht auf mir sitzen und schrieb einen scharfen Brief zurück. Den Inhalt kann ich hier nicht wiedergeben, da mir die Meinung, die ich vertreten musste, zu radikal ist. Nur so viel: Es ging um die Erbsünde der Frauen…
Die Medizinerin jedenfalls – real tatsächlich eine Frau – fasste meine Brief persönlich auf und sprach fortan kein Wort mit mir. Das war die Kehrseite dieses Spiels.

Je länger die zweiten Phase andauerte desto mehr geriet das Spiel aus den Fugen.

Die Mittagspause kam zur rechten Zeit, auch wenn die anschließende zweistündige Mittagspause klar an unseren Nerven zerrte, da wir alle ja wenig geschlafen hatten. Zu zehnt lagen wir dann in die abgezogenen Decken und Kissen gehüllt auf der Liegewiese des 8er-Zimmers und hörten Musik. Da fing bei mir das Nachdenken wieder an. „No woman, no cry“ tönte es passend aus den Boxen. Da war sie wieder – die Sehnsucht nach Aila.
Die anderen bekamen dies schnell mit und versuchten mich abzulenken und so gingen Eike, Christopher und ich dann ein wenig im nassen Wald spazieren. Die beiden wollten unbedingt auf einen Hügel klettern, wobei ich mich dann aber nicht anschloß, sondern allein den Wald für mich entdeckte. Und so lief ich laut Wise Guys-Lieder singend und gleichzeitig meinen Gedanken nachhängend durch den Wald. Das tat gut, auch wenn ich mir nasse Füße holte.

Nach dem Kaffee begann dann die eigentliche Konferenz. Jede Gruppe entsandte einen Vertreter. Als ranghöchster Katholik vertrat ich die internationale Römisch-Katholische-Kirche. Meinen Unmut zog sich Exbischof Paul zu, der statt Bischof Atticus das Podium vertrat. Ich hatte unheimlich viel Spaß. Ich karrikierte einen weltfremden Hardliner der Katholischen Kirche, der auch mal das ein oder andere austeilte. Leider kam eine Diskussion über ein Bekenntnis nicht so recht in Gang, da sich das Erzbistum und auch die EKBO auf eine strukturelle Fusion geeinigt hatten. Das konnten sowohl der Vertreter der EKD, die übrigens im Zuge der Phase 2 von der EKBO geschluckt wurde (…), als auch ich nicht mittragen. Der Kultursenator gab sich alle Mühe zu theologischen Fragen überzuleiten, aber wir kamen immer wieder auf personelle und strukturelle Fragen zu sprechen. Die Stimmung sowohl im Podium als auch im Auditorium wurde immer gereizter. Nach 1,5 Stunden schien mir die Diskussion so festgefahren, zumal Bischof Paul immer deutlicher evangelische Ansichten vertrat und mir sogar offen wiedersprach, was in der Realität innerhlab der katholischen Hierarchie undenkbar ist, so dass ich meine Sachen packte und das Podium verließ und im Auditorium Platz nahm, was mit Beifall quitiert wurde. Kurz danach brach die Spielleitung die Diskussion ab.

Danach bekam ich viel Lob für meine Mimik und für die Darstellung meiner Rolle und auch noch knapp zwei Stunden danach wurde im Zug viel über das Planspiel diskutiert.

Gegen 20.30 Uhr kam ich dann am S-Bhf Tiergarten an, wo ich mein Auto geparkt hatte. Insgeheim hatte ich ja gehofft, dass mich jemand spezielles vom Bahnhof abholen würde. Keine Ahnung warum, aber ich hatte es gehofft. Nun nur mein Autochen wartete auf mich, immerhin.

Da ich vollkommen fertig und übermüdet war, endete mein Tag bereits um etwa 22 Uhr im gemütlichen Bettchen…